Liquidität als Zeitpolster

8. Februar 2026

Was eine professionelle Finanzierungsstrategie ausmacht

Die wirtschaftliche Lage erhöht den Finanzierungsdruck

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist seit einigen Jahren sehr angespannt. Jobabbau, Wachstumsschwäche und Gewinnrückgang prägen das Bild vieler Branchen. Familienunternehmen und Mittelständler sehen sich mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Volatilität konfrontiert. Viele Branchen, etwa der Maschinenbau oder die Automobilindustrie, stehen unter enormem Wettbewerbsdruck und müssen ihre Finanzierungsstrategie entsprechend anpassen. Hinzu kommen komplexe Transformationsprozesse im Zuge der Erfüllung von ESG-Kriterien sowie ein hoher Finanzierungsbedarf bei Unternehmensnachfolgen. Themen, die in dieser Vielzahl vor zehn Jahren noch nicht präsent waren.

Erschwerte Kapitalbeschaffung und veränderte Bankenprozesse

Gleichzeitig passen sich auch die Banken den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an. Die Beschaffung von Fremdkapital über Kredite wird zunehmend erschwert. Schwankende Zinsen, ein deutlich höheres Preisniveau und strengere regulatorische Anforderungen führen dazu, dass es insgesamt anstrengender geworden ist, an Kapital und Finanzierungen zu kommen. Das Agieren per Autopilot, wie es Unternehmen früher oder etwa zu Coronazeiten mit großzügigen Ausfallbürgschaften tun konnten, ist Geschichte.

Warum Liquiditätsvorsorge heute wichtiger ist denn je

Aufgrund der gestiegenen Volatilität sind Unternehmen heute gefordert, eine deutlich größere Liquiditätsvorsorge aufzubauen als in der Vergangenheit. Erschwert wird dies durch eine wieder schlechter werdende Zahlungsmoral. Laut einer aktuellen Erhebung von Creditreform zahlen rund zwölf Prozent der Unternehmen ihre Rechnungen nicht mehr pünktlich. Eine weitere Herausforderung stellt die zunehmende Digitalisierung der Prozesse bei Banken und Finanzpartnern dar. Der persönliche Draht zum Bänker wird schwächer, Banken nehmen zunehmend den Charakter einer Behörde an. Was früher häufig auf Zuruf möglich war, wird heute durch komplexe Prozesse und umfangreiche Bürokratie ersetzt. Kreditgenehmigungen dauern länger, und Unternehmen können immer schwerer einschätzen, ob eine Anfrage Erfolg haben wird.

Finanzierung als aktives Gestaltungselement

Finanzierung ist für viele Unternehmerinnen und Unternehmer ein notwendiges, aber ungeliebtes Thema. Entsprechend erhält es häufig nicht die Aufmerksamkeit, die es eigentlich haben müsste – gerade im Kontext eines Familienunternehmens. Dabei ist Finanzierung ein aktives Gestaltungselement, das maßgeblich beeinflusst, ob strategische Ziele erreicht und Unternehmen erfolgreich in die nächste Generation überführt werden können. Wenn die Unternehmensanteile einen wesentlichen Teil des Vermögens der Gesellschafter oder der Unternehmerfamilie ausmachen, ist die Sicherung der Liquidität von zentraler Bedeutung. Halbherziges Handeln ist in diesem Zusammenhang grob fahrlässig.

Fehlende Transparenz über die eigene Liquidität

In der Praxis zeigt sich zudem häufig, dass Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage zu positiv einschätzen. Es fehlt an einem klaren Verständnis dafür, was ausreichende Liquidität bedeutet und wie eine zukunftsfähige Liquiditätsplanung aussehen sollte. Viele Unternehmen können nicht benennen, welche Mindestliquidität notwendig ist, um fixe Kosten in Krisenzeiten über einen längeren Zeitraum tragen zu können. Dabei verschafft Liquidität einem Unternehmen vor allem eines: Zeit. Zeit, um frühzeitig gegenzusteuern und sich auf das operative Geschäft zu konzentrieren.

„Geld holt man sich, wenn man es bekommt – nicht, wenn man es braucht“
Finanzierung muss daher ein proaktiver Gestaltungsbestandteil sein. Statt erst dann zur Bank zu gehen, wenn der Bedarf groß und die Kreditlinien nahezu ausgeschöpft sind, sollte der Grundsatz gelten: Geld holt man sich dann, wenn man es bekommt – und nicht, wenn man es braucht.

Typische Fehler in der Finanzierungsstrategie

Ein weiterer häufiger Fehler liegt in der Fehlinterpretation von Bankenaussagen. Banken kommunizieren oft nicht klar, sondern eher nebulös. Diese Aussagen richtig einzuordnen, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob weitere Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden, ist eine hohe Kunst. Auch bei der Ausschüttungspolitik fehlt es häufig an klaren Kriterien. Ziel sollte es sein, ausreichend Mittel hinter die Brandschutzmauer zu bringen, um Reserven aufzubauen und das Unternehmen in einer Krisensituation durch Gesellschafterbeiträge stärken zu können. Ein zu starker Fokus auf die Eigenkapitalquote ist dabei nicht zielführend. Entscheidend ist vielmehr, eine klare Vorstellung von den Renditezielen des eingesetzten Kapitals zu haben. Wer nicht weiß, was Kapital kostet, kann den Kapitalmarkt nicht verstehen.

Eigenkapital ist keine Garantie für Krisensicherheit

Zwar haben viele Unternehmen in den vergangenen Jahren ihre Eigenkapitalquote erhöht, doch diese gefühlte Unabhängigkeit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Finanzierungsfragen weiterhin aktiv gestaltet werden müssen. Die Eigenkapitalquote zahlt keine Kredite zurück – das geschieht allein über einen positiven Cashflow. Deshalb ist es essenziell, sich in guten Zeiten mit alternativen Finanzierungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen und zusätzliche Türen zu öffnen, um ein passendes Liquiditätspolster aufzubauen.

Wie eine wetterfeste Finanzierungsstrategie aufgebaut sein sollte

Eine wetterfeste Finanzierungsstrategie sollte integraler Bestandteil der Unternehmer- und Inhaberstrategie sein. Ziel ist eine schriftlich fixierte Financial Governance, ein Finanzierungshandbuch, das mit Gesellschaftern, Kontrollgremien und Management abgestimmt ist. Es definiert Anforderungen an Finanzierungspartner ebenso wie Erwartungen an das Unternehmen und die Unternehmerfamilie.

Die Bedürfnispyramide der Unternehmensfinanzierung

Orientierung bietet dabei eine an die Maslowsche Bedürfnishierarchie angelehnte Bedürfnispyramide. An der Basis steht die Liquidität, messbar an Liquiditätsgrad, Liquiditätsreichweite und operativem Cashflow. Erst wenn diese gesichert ist, folgen Stabilität und schließlich Rentabilität.

Fehlpriorisierungen als Insolvenzrisiko

Wer in einer Liquiditätskrise zunächst auf Zinskosten und Finanzierungskosten blickt, setzt falsche Prioritäten. In solchen Situationen muss das Unternehmen das annehmen, was verfügbar ist, um die primäre Ebene – die Liquidität – zu sichern. Andernfalls droht die Insolvenz.

Handlungsmöglichkeiten bei akutem Liquiditätsengpass

Stehen Unternehmen bereits mit dem Rücken an der Wand, können Gesellschafterbeiträge ein wichtiges Signal an Gläubiger sein, insbesondere in Kombination mit transparenter Kommunikation. Ergänzend kommen asset-basierte Finanzierungsformen wie Leasing, Sale-and-Lease-Back, Factoring oder Wareneinkaufsfinanzierungen in Betracht. Auch alternatives Fremdkapital von Fintechs kann kurzfristig helfen, wenn auch zu höheren Kosten. Ziel ist es stets, wieder in geordnetes Fahrwasser zurückzukehren. Was Unternehmen nicht tun sollten, ist auf das Prinzip Hoffnung zu setzen oder sich mit Partnern zu beschäftigen, die keine tragfähigen Lösungen bieten.

Rückbesinnung auf wirtschaftliche Grundlagen

Ein zentraler Trend im Bereich Finanzierung ist die Rückbesinnung auf die Grundlagen. Die Zukunftsfähigkeit von Familienunternehmen hängt wieder stärker vom Erfolg des Geschäftsmodells und vom Cashflow ab. Die Niedrigzinsphase war eine Ausnahme. Zinsen und Inflation sind zurück, ebenso die Notwendigkeit, wirtschaftlich solide zu handeln. Förderprogramme sollten nicht abgewartet werden – vielmehr ist es entscheidend, sich auf die eigene Stärke zu besinnen. Auch das Thema Nachhaltigkeit bleibt relevant und ist fester Bestandteil der DNA vieler familiengeführter Unternehmen.

Liquidität als Zeitpolster für unternehmerisches Handeln

Liquidität ist damit weit mehr als eine Kennzahl. Sie ist ein Zeitpolster – und oft der entscheidende Faktor, um Unternehmen sicher durch herausfordernde Zeiten zu steuern.